Sagen und Geschichten aus unserer Gemeinde
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Die drei Moien
Im Winterbacher Schloss lebte einst ein unermesslich reicher Graf mit seinen drei Töchtern.
Wenn er im Gefolge des Kaisers in den Krieg zog, herrschten die drei gottlosen Jungfern hartherzig
und hochmütig, stolz, geizig und gewalttätig. Eine von ihnen war blind. Einmal blieb der
Graf ungewöhnlich lange aus. Alles glaubte, er habe im blutigen Kriege in einem fernen Lande
den Tod gefunden. Niemand rechnete mit seiner Wiederkehr. Die drei Töchter beschlossen, das
väterliche Gold unter sich aufzuteilen. Sie nahmen einen Halbmetzen und füllten ihn bis
zum Rande. Die Blinde durfte jedes Mal mit der Hand drüberstreichen. Wenn sie an der Reihe kam,
drehten die Schwestern das Maß heimlich um und füllten bloß den seichten Bodenteil.
So betrogen sie die Unglückliche um ihren gerechten Erbteil.
Unversehens trat ein Bettler in den Schlosshof und bat um ein Almosen. Mit seinem zerfurchten Gesicht
und seiner gekrümmten Gestalt sah er erbarmungswürdig aus. Aber die drei Schlossherrinnen
waren ungehalten über die Störung. Barsch wiesen sie den Bittsteller ab. Der trat einen
Schritt zurück und wieder vor und bat diesmal um eine Lagerstätte und ein Brot für
einen Armen. Da jagten sie ihn zum Tore hinaus und hetzten die Hunde auf den Zögernden.
Der Bettler aber war ihr Vater, den die Töchter nicht erkannten, weil Krieg und Not seine Gestalt
gekrümmt und sein stolzes Antlitz verunstaltet hatten. Ihn erfasste Enttäuschung und
Entsetzen über solche Hartherzigkeit und in wildem Zorn stieß er einen schrecklichen
Fluch aus. Die Erde öffnete sich und unter Donnerschlägen versank das Schloss mit den drei
Edelfräulein, mit dem Getier und allen Schätzen. Die Seelen der drei Missetäterinnen
fanden in der Ewigkeit keine Ruhestätte. Als Gespenster geistern sie durch die dunklen
Nächte um Winterbach.

Der Moienspuk
Es war in einer schaurig düstereren Allerseelennacht. Der Wind heulte über die Felder,
zersauste die Kronen der Bäume und wiegte die ächzenden Wipfel im Schlosswald. Der reckte
sich schwarz und fahl zum Himmel. Vom Friedhof krochen weiße Nebelschleier gegen den
Eichenhofener Berg.
Auf der Höhe hob sich die Gestalt eines Mannes gegen den Horizont ab. Trotz Nacht und Sturm ging
er eilig seines Weges. Plötzlich verharrte er. Gleich kleinen Laternchen hüpften drei
Lichtlein über den Weg und über den Anger. So rasch sie aufleuchteten, verschwanden sie
wieder. Dafür flammten drei Feuergarben in den Wiesen auf, die sich dem nächtlichen Wanderer
schneller und immer schneller näherten. Er zuckte zusammen, als er auch noch Stimmen hörte.
Die klangen dumpf und hohl, als kämen sie aus einem Grabgewölbe. Aus dem Jammern und
Stöhnen hörte er deutlich den klagenden Ruf: "Erbarmen, Erbarmen!" Ein eiskalter Hauch
strich über sein Gesicht. Er meinte der Hauch wolle ihn mitreißen. In seiner Not schlug
er drei Kreuze und sprach dabei die drei höchsten Namen: Gott des Vaters, des Sohnes und des
heiligen Geistes. Die Flammen erloschen, die Stimmen verhallten im Wind. Vom Winterbacher Kirchturm
klang der Schlag der ersten Morgenstunde.

Die Moien mit der Goldkiste
Im Winterbacher Schloss versank eine schwere, eiserne Goldkiste, gefüllt mit lauterem Gold. Sie
liegt in einem tiefen unterirdischem Gang. Zur Strafe für ihre Hartherzigkeit müssen die
drei Edelfräulein die Kiste Nacht für Nacht bis in alle Ewigkeit durch den Schlosswald
schleppen, wenn sie nicht vorher durch ein unschuldiges Kind erlöst werden. Dies kann nur in
der Nach zum weißen Sonntag geschehen, zum Funkensonntag also, dem ersten Sonntag in der
Fastenzeit.
Wenn das Scheibenfeuer abgebrannt ist und mit der verglimmten Strohhexe alle bösen Geister in
die Erde verbannt sind, muss sich das Kind sputen, dass es zu Mitternachtsstunde allein und furchtlos
am Kreuzweg im Schlosswald steht. Mit dem ersten Glockenschlag der Mitternachtsstunde schleppen die
Moien die Goldkiste aus dem Waldesdunkel. Dann flüchten die Rehe aus dem Tann, die Käuze
schreien und die Totenvögel stoßen mit lautem Flügelschlag aus dem Gehölz. Der
ganze Wald wird von unerklärlicher Unruhe erfasst. Das Kind muss ohne Furcht und Zagen den Spuk
die ganze Stunde durchstehen, mit ruhiger Hand und frommen Sinns das Kreuzchen machen und mit klarer
Stimme laut die drei höchsten Namen sprechen. Dann weicht der böse Geist. Die drei armen
Seelen werden erlöst. Dem Kinde winkt die Goldkiste mit allen Schätzen zum Lohn.

Wie die drei Moien auf die Bildsäulen kamen
Vom Winterbacher Schloss führt ein unterirdischer Gang zur Geigenburg oberhalb von Eichenhofen.
Durch diesen Gang kamen die drei Geisterfräulein auf ihren Geisterzügen oft ins Dorf und
schreckten die Leute aus dem Schlaf. Dann brauste ein wilder Geisterzug durch die Lüfte mit
Donnern und Tosen, mit Pfeifen und Johlen, dass die Fensterläden schlugen, die Türen in
den Angeln knarrten, das Dachgebälk stöhnte und die Häuser bebten. Die Winterbacher
empfanden Mitleid mit den drei armen Seelen. Sie ließen drei Bildstöcke setzten und darauf
betende Frauen malen. Darauf hörte der Geisterzug auf.

Die drei heiligen Frauen Marien
Die Legende verwandelte die drei Moien in drei heilige Frauen. Die heilige Maria Jakobäa, die
Schwester der Mutter Gottes, die heilige Maria Salome, das war die Mutter der Apostel Johannes und
Jakobus und die heilige Büßerin Maria Magdalena trauerten unter dem Kreuz Christi. Sie
verließen nach dem bitteren Kreuztod des Heilandes die Stätte Golgata und suchten den
auferstandenen Erlöser. Jede ging eigene Wege, jede in eine andere Richtung, jede in ein
anderes Land. Sie zogen viele Jahre unter Mühen von Ort zu Ort und trafen endlich im
Mittelpunkte der Welt, in Winterbach, zusammen, brachten den Winterbachern die erste Kunde vom
Evangelium, von den Wundertaten Jesu und von seinem Kreuztod. Zur ewigen Erinnerung stellten die
Gläubigen drei holzgeschnitzte Bildwerke auf den Altar, die drei heiligen Frauen darstellend,
jedes ein Fuß fünf Zoll hoch. Bald kamen Pilger aus nah und fern. In einem Kriege gingen
die Statuen verschollen. Dafür setzten die Winterbacher an der Stelle der drei Moien
Bildsäulen mit dem Bild der drei heiligen Frauen, eine "bei den drei Frauen", eine
"im Tannenhölzle", die dritte "im Kindholz".

Goldgräber auf dem Schloßberg
Auf ihre Wanderschaft kamen zwei Handwerksgesellen nach Rechtbergreuthen, hörten dort von dem
versunkenen Winterbacher Schloss und dem Goldschatz in dem unterirdischen Gang. Noch in der selben
Nacht macht sich die unternehmungslustigen Burschen auf, den Schatz zu heben. Sie gruben mit Hacken
und Spaten und fanden schon nach kurzer Zeit einen verfallenen, unterirdischen Gang. Das steigerte
ihre Hoffnung und ihre Gewissheit. Mit ungestümen Eifer räumten sie Erdreich, Gestein und
verkohltes Gebälk aus dem Stollen. Bald spürten sie auch wirklich eine eiserne Kiste, die
sie mit vieler Sorgfalt freilegten. Jetzt galt es noch, die Kiste ohne viele Aufhebens vor Mitternacht
zu bergen. Die Nacht war finster, der Gang nieder und eng, und die Kiste war schwer. Sie schoben
und rückten, hoben und trugen, Schritt für Schritt. Ihre Kräfte drohten zu schwinden
und dabei wurde die Kiste immer schwerer. Endlich fühlten sie den kalten Wind, der um den
Schlossberg strich. Der Ausgang war erreicht, der Sieg errungen, der Schatz gehoben.
In diesem Augenblick schlug die Mitternachtsstunde. Ein Brausen erfüllte die Nacht, zwei
feurige Rehe sprangen durch den Schlosswald, die Kiste versank mit einem Donnerschlag, die
Schatzgräber fielen vor Schreck auf die Knie.

Der verwunschene Gockel und die Tagelöhnerin
Das Winterbacher Schloss versank einst mit allen Menschen und Tieren. Ein dichter Tann wuchs
über der unheimlichen Stätte. Allein der Gockel des Schlosses, der ehedem den beginnenden
Tag ankündigte, gab keine Ruhe. In den frühen Morgenstunden klang sein mahnender Schrei
aus dem Wald.
Eine arme, alleinstehende Tagelöhner aus Winterbach ging im Herbst und Winter Werktag für
Werktag zum Dreschen nach Rechbergreuthen. Wenn sie an den Schlossberg kam, hörte sie jedes
Mal den dumpfen Gockelschrei. Den warf das Echo zurück, so dass es schien, als schrieen viele
Gockel im Wald. Dann beschleunigte sie ihr Schritte und war froh, wenn sich die Rufe hinter ihr
verloren.
Einmal sprang ihr noch im Gehölze ein geisterhafter Mann in den Weg. Der sah aus wie ein
alter Kriegsmann und bot einen schauerlichen Anblick. Seinen Kopf trug er nicht nach der Art der
Menschen auf den Schultern, sondern unterm Arm. Die Frau öffnete in ihrer Angst den Mund zu
einem Hilferuf. Allein ihre Stimme versagte, wilde Töne kamen aus der Brust, wie sie Tiere
ausstoßen in Todesangst. So plötzlich, wie es kam, verschwand das Gespenst. Nachdem
sich die Tagelöhnerin vom ärgsten Schreck erholt hatte, hastete sie in eiliger Flucht
dem Waldsaum zu.

Der Gockel und der Bauer
Ein Bauer von Winterbach schritt am frühen Morgen zur Arbeit in den Schlosswald. Da scholl
der Schrei des verwunschenen Gockels aus dem Gebüsch. In keckem Übermut erwiderte der
Bauer höhnisch den Ruf. Und schon fiel ihn unvermittelt ein Gespenst an, ein Zwerg mit
übermenschlichen Kräften. Der schlang die Arme um seinen Leib, drückte ihn, plagte
ihn und führte ihn in die Irre.
Stöhnend schleppte der Überfallene den Unhold ins Gebüsch und Gestrüpp. Als
die Morgenglocke erklang, löste sich die Umklammerung, der Zwerg verschwand, frei lag der
Weg für den Schweißgebadeten.

Die Hexe im Kuhstall
Mit ruhiger Gelassenheit füllte die Hoferin von Winterbach Morgen für Morgen ihre
Milchscherben und stellte sie auf den Wandbord in der Speise. Fein säuberlich legte sie
Milchbrettchen darüber und setzte eine zweite Reihe darauf. Nach frischem Kleeschnitt und
auch sonst reichte es zu einer dritten Reihe. Den Rahm blies sie selbst von der gestöckelten
Milch und stieß ihn mit dem Stößel zu Butter. Den verkaufte sie auf dem Burgauer
Wochenmarkt. Sie hatte treue Kunden, denn sie war an jedem Markttag zur Stelle und ihre Butter war
immer frisch und fett. Das sollte mit einem mal anders sein !
Die Kühe fielen täglich mehr und mehr von der Milch. Zuletzt war ein halber Kübel
die Ausbeute am Morgen. Da war eine Hexe am Werke ! Als das Gesinde am Feierabend in den
Heimgarten ging, beriet sie sich mit ihrem Bauern.
Man hörte so viel und wusste so wenig. Man sprach hin und her. Niemand hatte so etwas entlehnt
und keines wurde von einer verdächtigen Person angerührt. So folgte man dem Rat einer
Schmalzbettlerin.
Die Bäuerin legte das Tischmesser mit dem Rücken auf den Stubentisch. Der Bauer stellte
den Stallbesen umgekehrt auf, den Stiel auf den Boden, das Reisig in der Höhe. Seinen
Kühen rupfte er kleine Büschel Haare aus und verbrannte sie unter Anrufung der drei
höchsten Namen. Dann bespritzten sie das Rindvieh mit Weihwasser. Der Bauer wachte in der
Nacht. Als das Dorf im Schlafe lag, schlich er auf Socken zum Stall, bekreuzigte sich und
öffnete die Türe. Die Hexe molk gerade die schöne Kuh. Der Bauer schrie auf vor
Angst und Wut. Die Hexe fuhr blitzschnell zum Fenster hinaus. Man sah sie nie mehr.

Die Hexe in der Delkenmühle
Unterhalb Winterbach liegt an der Glött die Delkenmühle. Eines Morgens standen die Pferde
schweißtriefend im Stall, die Haare der Mähne und Schweife waren zu kaum entwirrbaren
Zöpfen geflochten.
Die Pferde hatten am Abend vorher in gewohnter Weise Wartung und Pflege erfahren und lagen beim
letzten Rundgang ruhig auf der Streu. Da trieb eine Hexe ihr Unwesen. Der Müller war ein
ruhiger, gläubiger Mann. Er bespritzte den Stall und die Tiere am Abend mit Weihwasser,
damit nicht noch einmal böse Menschen Macht über seine Tiere bekämen. Umsonst,
der nächste Tag bot das gleiche Bild wie am Vortag. In der dritten Nacht wachte der
Müller mit seinem Knecht. Mit dem 12 Uhr Schlag rissen sie die Türe auf und drangen
mit Mistgabeln bewehrt in den Stall. Eine Hexe ritt des Müllers Lieblingsgaul. Der
zitterte, erschrak, schlug aus und die Hexe fuhr zum Fenster hinaus.

Die Hexe in der Glötter Mühle
Jede zweite Woche schickte der Müller von Glött seinen Gäuwagen nach Winterbach.
Der holte das Mahlkorn und brachte bei der nächsten Fuhr das Mahlgut zurück, Mehl und
Kleie. Vollbeladen fuhr er jedes Mal aus dem Dorfe.
Auf einmal fand der Karrenführer versperrte Haustüren oder er fragte umsonst nach Mahlgut.
In der Glötter Mühle ging ein Geist um. Der polterte und wetterte nachts durchs ganze
Haus, dass er das klappern der Räder übertönte. Er schreckte die Leute aus dem
Schlaf, schnitt in der Mühle die Säcke auf und zerstreute das Mehl. Zuerst liefen die
Mägde davon, dann die Knechte und allmählich blieben die Kunden aus, die Bauern
fürchteten, den Bösen Geist mit ins Haus zu kriegen.

Der verhexte Wagen
Lange Zeit vor dem alten Pfaudler führte ein junger Käsknecht die Käsküche
in Winterbach. Tag für Tag schwang der sein großes Butterfass und formte aus der
Käsemasse genormte Laibe Backsteinkäse. Butter und Käse fuhr er auf seinem Wagen
nach Burgau auf den Markt, soweit er sie nicht im Dorf selbst absetzte.
In gewohnter Weise schwang er eines Tages sein Butterfass, als ein altes Weib unter die Tür
der geöffneten Käseküche trat und ihn fragte, ob er heute noch mit dem Wagen bei
ihr vorbeikäme. Der Käser nickte zustimmend mit dem Kopf. Da jammerte sie, dass sie
heuer das Büschelholz nass unter das Hausvordach gebracht habe, und dazu sei ihr der Stiel
der langen Ofengabel abgebrochen. So habe sie heute eine Ofengabel geliehen, die lehne hier an
dem Türgerüst, und wenn er die Ofengabel mit dem Fuhrwerk mitbrächte, bräuchte
sie dies nicht durch das ganze Dorf zu tragen.
Gleich nach Mittag holte der Käser seinen Gaul aus dem Stall. Er hatte ihm selbst das
Geschirr aufgelegt und spannte ihn selbst an den Wagen, legte die Butter- und Käsekisten
darauf und obenhin unbekümmert die Ofengabel, denn er war ein Aufgeklärter und
Aberglaube und Zauberei kannte und fürchtete er nicht. Frohgemut fuhr er durch das Dorf,
hielt vor der Hütte der Alten und lehnte die Ofengabel an das Stubenfenster. Als er
weiterfahren wollte, gingen die Räder nicht mehr um. Der Fuhrmann ging um seinen Wagen
herum, untersuchte Gespann, Seile, Ketten und die Räder, fand aber alles in bester Ordnung.
Er stieg auf und trieb das Pferd von neuem an. So sehr sich der Gaul auch in die Stränge
legte, Räder und Wagen rührten sich nicht. Wieder stieg er ab und sichte und fand
wieder alles in Ordnung. Zum drittenmal holte er zu einem kräftigen Peitschenschlage
aus, zum drittenmal umsonst. Da fiel ihm ein, was man über die Alte raunte und über
die Ofengabel dazu, stieß in seiner Wut einen Fluch aus gegen die Alte, bekreuzigte
sich aber gleich mit den drei höchsten Namen.
Der Bann war gebrochen, der Wagen rollte weiter. Weil das aber schon so lange zurückliegt,
vergaß man den Namen der Hexe und ihr Haus, lebendig blieb nur die Begebenheit.

von Volker Heinrich
Quelle: Eugen Ganzenmüller, Sagen und Geschichten aus dem Günzburger Raum, Anton H. Konrad Verlag
Text: Volker Heinrich; © Copyright by