Frauenbronnen
Die folgende Geschichte über die Entstehung der Gnadenkapelle Frauenbrunn ist frei nacherzählt.
Die Namen der Personen und die Zeitangaben dagegen sind historisch belegbar.
Es war an einem schönen Oktobertag des Jahres 1668. Wie jeden Tag trieb der Hirte Georg Wernig
die Schweine der Waldkircher Bauern auf der alten Römerstraße über den Berg dem Moosbach zu.
Er wurde begleitet von Michael Wagner, des Nachbarn Sohn, der diesen Sommer schon öfters beim
Schweinehüten dabei war, denn auch er hatte ein Schwein bei der Herde. Er hatte es vom
Kirchenbauer Aenderes als Ferkel geschenkt bekommen, es hatte nur leider einen kleinen
Schönheitsfehler, das Mutterschwein hatte ihm das linke Ohr halb abgebissen. Michael behauptete,
dass es dadurch viel besser sehen könne als die anderen Schweine, die ihre Augen hinter den
langen Ohren verdecken.
Heute trieben die beiden Hirten ihre Herde über den Moosbach auf die linke Seite in die
Einbuchtung des Geländes, die mit vielen Pronnenkielen (Quellen) durchzogen war.
"Dort bleiben die Schweine am ruhigsten" sagte Georg zu Michael, der heute die Schweine hüten
musste. Denn Georg hatte hinten am Weiher Streu bekommen und die wollte er an diesem Tag abmähen.
Michael, der seinen Hund mitgenommen hatte, ließ sich auf dem hinteren Damm nieder, der das
Moosbachtal in der Mitte des Weihers überbrückte. Von dort hatte Michael eine gute Sicht auf
die Herde, die sich in dem Gestrüpp und den Wasserpfützen wohlfühlte. Nur sein Schwein benahm
sich eigenartig, es bohrte und wühlte im Sumpf als wollte es das ganze Gelände umgraben.
Michael stand auf, pfiff seinem Hund, nahm die Schippe und ging zu den Schweinen hinüber.
Als sein Schwein ihn kommen sah, hörte es mit seiner Wühlerei auf und grunzte Michael zu, als
wollte es sagen "komm und hilf mir dieses Holzstück herauszuschieben!".
Da es aber in diesem sumpfigen Gelände von Michael keine Hilfe erwarten konnte, schob es das
Holzstück selbst bis vor seine Füße. Neugierig geworden, entfernte Michael den Moorschlamm mit
seiner Schippe und was da zu Vorschein kam, versetzte ihn in Staunen. Dieses Stück Holz hatte
die Form einer Figur. Mit seinem Holzkübelchen holte er nun Wasser vom Weiher und reinigte die
Figur. Voll Freude sah er, dass die Figur die Muttergottes mit dem Jesuskind darstellte. Leider
befand sich das Schnitzwerk in keinem guten Zustand, die linke Hand der Muttergottes war
abgebrochen und unten an den Füßen fehlte ein Stück und das Jesuskind hatte beide Arme verloren.
Immer wieder betrachtete Michael den Fund, den ihm sein Schwein beschert hatte und rätselte,
wie die Muttergottes hierher in die Bronnen gekommen war.
Als Georg am Abend heimkam zeigte er ihm die Figur und erzählte ihm wie sich alles zugetragen
hatte. Da sie die Figur wegen ihrer Größe und ihres Gewichtes nicht mitnehmen konnten,
versteckten sie diese unter einem Erlengebüsch und zogen mit der Herde nach Hause.
Nach dem Abendessen erzählte Michael seinen Eltern die ganze Geschichte und sein Vater
beschloss am nächsten Tag selber nach dem Rechten zu sehen. Auch Georg hatte dem Kuhhirten
Mathias Stocker von dem Fund erzählt, und so kam es, dass sich alle am nächsten Tag bei den
Bronnen trafen.
Nach dem sie die Figur freigelegt hatten, stellten sie sie auf einen Baumstumpf und betrachteten
sie andächtig. Dann wurde sie auf das Ochsengespann des Hufschmiedes Hueber gelegt und zum
Pfarrhof des Hochwürden Daulen gebracht. Pfarrer Daulen ließ sich das Bildnis zeigen und die
Geschichte der Auffindung erzählen. Noch am gleichen Tag erfuhr das ganze Dorf davon und jeder
wollte das Marienbildnis sehen.
Im Laufe der Wintermonate trocknete und reinigte Pfarrer Daulen die Figur sorgfältig. Da er auch
des Schnitzens kundig war, versuchte er die fehlenden Teile an dem Bildnis zu erneuern. Mit
Pinsel und Farbe gab er ihr ein neues Aussehen.
Es war eine beschlossene Sache des ganzen Dorfes, dass das Marienbildnis dort aufgestellt werden
solle, wo es gefunden wurde. Es stehe nämlich im ganzen Moosgrund noch kein Feldkreuz und man
müsse die Auffindung als einen Fingerzeig Gottes ansehen. Im Frühjahr 1669 wurden die
Quellbronnen zusammengefasst und in einem Graben abgeleitet, um trockenes Land zur Aufstellung
des Bildnisses zu bekommen.
Alle Männer des Dorfes, die gerade Zeit hatten, halfen mit: der Gemeindevogt Johannes Schumayr,
Johannes Aenderes, der Kirchenbauer mit seinen Söhnen, Sylvester Hueber, der Hufschmied und
noch so viele andere. Sogar der Schulmeister Pretzel ließ sich sehen. Aus einem Baumstamm wurde
eine Säule gehauen und in den Boden eingelassen. Zwei Lindenbäumchen wurden links und rechts
neben der Säule gepflanzt. Das war der Beginn.
An einem Sonntag im Mai fuhr der Schmied mit seinem Wagen am Pfarrhof vor. Etwas Heu und ein
paar Decken hatte seine Frau Anna auf den Wagen getan, damit das Bildnis auch heil bei den
Bronnen ankomme. Michael und Georg trugen es aus dem Pfarrhof und legten es behutsam auf den
Wagen. Alle Bürger des Dorfes die gehen konnten, folgten nun dem Wagen über den Berg ins
Moosbachtal. Dort wurde das Marienbildnis auf die Säule gehoben und der Schmied befestigte es
so, dass es nicht herabfallen konnte.
Pfarrer Daulen weihte das Bildnis ein und die ersten Dank- und Bittgebete zu Maria, der
heiligen Frau von den Bronnen, gesprochen.
Georg, der Schweinehirte, trieb von diesem Tag an seine Herde nicht mehr in die Bronnen, denn
er wollte das Wasser, das jetzt an der Mariensäule floss, nicht mehr verunreinigen lassen.
Der Wagner und der Rechenmacher Barau zimmerten nach einigen Jahren ein kleines Schutzdach
über die Mariensäule.
In den folgenden Jahrzehnten kamen viele Menschen bei der Frau von den Bronnnen vorbei, um
zu rasten und Maria um Hilfe zu bitten.
1734 wurde oberhalb der Linden der Platz hergerichtet und eine Kapelle gebaut, ein kleines
Türmchen aufgesetzt und ein Glöckchenaufgehängt. Die Quellbronnen wurden neu gefasst und
zwischen der Kapelle und den Linden in einen Holztrog geleitet. Es war höchste Zeit, das
Bildnis ins Trockene zu bringen, denn an den Schultern und am Haupte musste bereits morsches
Holz entfernt werden. Durch eine neue Fassung erstrahlte sie wieder in neuem Glanz und wurde
an der Vorderwand der Kapelle aufgestellt. Die Kniebänke, die für die Kapelle benötigt wurden,
ließen die sieben größten Bauern des Dorfes vom Wagner Barau anfertigen.
In den nächsten Jahrzehnten kamen viele Pilger und Wanderer zur Kapelle und suchten dort
Hilfe bei Maria von Frauenbronnen. Sie tranken von dem Wasser und benetzten damit ihre Augen,
denn dem reinen Quellwasser wurde eine heilende Wirkung für kranke Augen zugesprochen.
1838 wurde die alte baufällige Kapelle abgerissen und König Ludwig von Bayern bewilligte
den Bau einer neuen Kapelle. Mit Unterstützung des Grafen Fugger von Glött und des Gutsherrn
Freiherrn Clemens von Freyberg konnte die Gemeinde Waldkirch mit dem Neubau beginnen. In der
Kapelle an der Vorderseite, in einer erhöhten Nische, bekam die Muttergottes ihren neuen
Platz. Unterhalb der Niesche ließ man die heilenden Wasser in ein Becken fließen, um sie
danach außerhalb der Kapelle wieder zu sammeln. Am Eingang baute man noch einen Vorbau aus
Holz, der vor Wind und Regen Schutz bot.
Zur Dreihundertjahrfeier, anno 1968, wurde die Kapelle erneut von den Waldkichern Bürgen
renoviert und die "Maria Himmelskönigin" mit einer neuen Fassung versehen.
Wie die Marienstatue im Moosbachtal in den Boden kam wird wohl für immer ein Rätsel bleiben.
Naheliegend wäre jedoch, dass in den Wirren der vielen Kriege und Schlachten des 16. und
17. Jahrhunderts ein besorgter Mensch unserer Umgebung sich dem Bildnis annahm, es durch
Vergraben vor herumziehenden und plündernden Soldatenhorden in Sicherheit bringen wollte,
anschließend aber selbst zu Tode kam. So nahm er das Geheimnis des Verstecks und der Herkunft
des Bildnisses mit in sein Grab und ähnlich wie bei anderen Schatzfunden brachte nur der
Zufall es Generationen später wieder zu Tage.
von Volker Heinrich
Quelle:
Franz Kießling, Geschichte und Sage der Gnadenkapelle Frauenbrunn
Text, Bilder: Volker Heinrich; © Copyright by